20 Millionen für ein Modell, das es schon gibt: Was SOOFI über Deutschlands KI-Strategie verrät
20 Millionen Euro Steuergeld. Für ein offenes europäisches KI-Sprachmodell. Bewilligt vom Bundeswirtschaftsministerium im November 2025. Projektname: SOOFI – „Sovereign Open Source Foundation Models for European Intelligence”. Erste Version geplant für das dritte Quartal 2026.
Klingt nach einem späten, aber wichtigen Schritt Richtung europäischer KI-Souveränität.
Bis man kurz nach Süden, Norden und Osten guckt.
Die Schweiz hat ihr Modell seit September 2025 öffentlich am Start. Finnlands wichtigstes KI-Startup ist 2024 für 665 Millionen Dollar nach Texas verkauft worden. Und das KI-Audio-Tool, das die polnische EU-Ratspräsidentschaft offiziell nutzt, kommt von zwei Polen aus London.
Drei kleinere europäische Länder. Drei sichtbare KI-Erfolge. Und Deutschland startet im Mai 2026 mit 130 NVIDIA-Systemen ins Training eines Modells, dessen erste Version frühestens im Q3 2026 fertig sein soll.
Lass uns das sortieren – nicht um zu meckern, sondern um zu verstehen, wo Deutschland in der europäischen KI-Landschaft wirklich steht.
Was SOOFI ist – und was es noch nicht ist
Beginnen wir mit dem, was real ist. Die BMWE-Pressemitteilung vom 18. November 2025 nennt klare Zahlen: ca. 20 Mio Euro Förderung, Laufzeit bis Juli 2026, geplantes Modell mit rund 100 Milliarden Parametern. Trainiert in der Industrial AI Cloud der Deutschen Telekom, auf etwa 130 NVIDIA DGX-B200-Systemen mit über 1.000 GPUs ab März 2026.
Das Konsortium liest sich nach „Best of German AI Research”: Fraunhofer IAIS, Fraunhofer IIS, DFKI, die Universitäten Würzburg und Hannover, TU Darmstadt, dazu die Berliner Hochschule für Technik. Industriell flankiert von zwei Startups – Ellamind und Merantix Momentum – sowie dem KI Bundesverband als Konsortialführer.
Ziel: ein offenes industrielles Basismodell, das EU-AI-Act-konform ist und europäische Werte abbildet.
Was SOOFI noch nicht ist: ein laufendes Modell. Die Pressemitteilung des BMWE spricht explizit von „Aufbau”. Erste Modellversion: laut t3n und IT&Production für Q3 2026 angekündigt. Sprich: Das, was Deutschland bekommt, gibt es bis dahin als Marketing-Folie, nicht als laufendes Produkt.
Das ist nicht per se schlecht. Aber es macht den Vergleich mit dem, was im Rest Europas läuft, schmerzhaft.
Schweiz: Apertus, seit September 2025 live
Am 2. September 2025 haben EPFL, ETH Zürich und das Schweizer Nationale Hochleistungsrechenzentrum CSCS ein Modell mit dem schönen lateinischen Namen Apertus („offen”) veröffentlicht – Schweizer Open-Source-LLM, in zwei Größen: 8 Milliarden und 70 Milliarden Parameter.
Die Eckdaten sind beeindruckend, gerade gegen die deutsche „Wir-fangen-mal-an”-Roadmap:
- 15 Billionen Trainings-Token, davon 40 % nicht-Englisch
- Mehr als 1.000 Sprachen abgedeckt – inklusive Schweizerdeutsch und Rätoromanisch
- Apache 2.0 Lizenz – komplett offen, samt Trainingsdaten, Gewichten und Methodik
- Verfügbar über Swisscom als strategischen Partner und zum kostenlosen Download auf Hugging Face
Für Nutzer außerhalb der Schweiz gibt es zusätzlich die Public AI Inference Utility als kostenlosen Zugriffsweg.
Übersetzt: Während Deutschland 2025 die Förderzusage feiert, kann jeder Entwickler in Europa schon seit acht Monaten ein vollständig dokumentiertes, offenes Modell aus der Schweiz laden, fine-tunen und produktiv einsetzen. „Souveränität” ist in Bern offenbar weniger ein Kommunikations-Begriff als in Berlin.
Finnland: Erst Pionier, dann verkauft
Finnland war früh. Das Helsinkier Startup Silo AI – gegründet 2017, gebootstrappt, von Peter Sarlin geführt – hat zusammen mit der TurkuNLP-Gruppe der Universität Turku bereits 2023 mit „Poro” das erste offene Sprachmodell für Finnisch und Englisch veröffentlicht. 2024 kam „Viking” hinzu, ausgeweitet auf alle nordischen Sprachen plus Englisch und Code, in den Größen 7B, 13B und 33B unter Apache 2.0.
Die kulturpolitische Pointe kam dann im Sommer 2024: AMD hat Silo AI für 665 Millionen Dollar in cash übernommen. Die größte private KI-Übernahme in Europa seit Googles DeepMind-Deal von 2014. Sarlin und Team berichten heute direkt an Vamsi Boppana, AMD-SVP für KI.
Das ist eine ambivalente Geschichte. Einerseits: europäischer KI-Champion zum strategischen Asset eines US-Chipherstellers geworden. Andererseits zeigt sie, dass in Finnland überhaupt etwas existierte, das diesen Preis wert war – aufgebaut auf Europas Supercomputer LUMI in Kajaani, der zufällig auf AMD-Hardware läuft.
Deutschland hat – mit Verlaub – aktuell keine vergleichbare Story. Aleph Alpha ist strategisch von Sprachmodellen weg und Richtung Plattform pivotiert. Black Forest Labs liefert Bildmodelle, keine LLMs. SAP integriert Drittmodelle. Und SOOFI ist im Mai 2026 noch nicht trainiert.
Polen: Software, nicht Modell – aber sichtbar
Spannender als die reine LLM-Frage ist ohnehin der Polen-Case. ElevenLabs – 2022 von Mati Staniszewski (Ex-Palantir) und Piotr Dąbkowski (Ex-Google) gegründet, beide in Polen aufgewachsen – ist heute ein globaler Marktführer für KI-Audio. HQ in London und New York, Büros u.a. in Warschau, San Francisco, Tokio.
Die Pointe: Im ersten Halbjahr 2025, während Polens EU-Ratspräsidentschaft, hat ElevenLabs offiziell und kostenlos die Pressekonferenzen nach informellen EU-Ministertreffen in Warschau live in drei Sprachen synchronisiert (Polnisch, Englisch, Französisch). Über 20 Pressekonferenzen, die Übersetzungen wurden vom polnischen Premierministeramt freigegeben, ausgespielt über den offiziellen YouTube-Kanal der Präsidentschaft.
Im November 2024 hat ElevenLabs zusätzlich 44 Mio. PLN (rund 11 Mio. USD) Investment in den polnischen KI-Standort angekündigt – inklusive R&D-Zentrum in Warschau mit ca. 30 Spezialisten.
Polen baut kein eigenes Foundation Model. Aber es hat einen Anwendungs-Champion mit globaler Reichweite, der dem Land in der EU-Präsidentschaft direkt sichtbar geholfen hat. Das ist eine andere Form von KI-Strategie – und nüchtern betrachtet eine ziemlich smarte.
Was lernen wir daraus – und was sollten wir lassen
Drei ehrliche Beobachtungen aus dem Vergleich:
1. „Souveränität” wird in Deutschland eher als Förderprogramm verstanden, in Bern und Helsinki als Produkt. Apertus ist auf Hugging Face. Viking ist auf Hugging Face. SOOFI ist auf einer BMWE-Pressemitteilung. Das ist ein qualitativer Unterschied, kein quantitativer.
2. Foundation Models sind teuer und langsam – Anwendungs-Layer sind schneller wertschöpfend. ElevenLabs zeigt: Du musst nicht das Basismodell besitzen, um in einer KI-Wertschöpfungskette sichtbar zu sein. Wer in Deutschland heute Industrie-KI bauen will, hat mit Apertus, Mistral, Llama, Qwen und Gemma längst genug offene Optionen. Die Frage ist nicht „haben wir ein deutsches Modell?”, sondern „was bauen wir damit?”.
3. 20 Millionen sind im LLM-Kontext klein, im Strategie-Kontext zu groß zum Ignorieren. Zum Vergleich: AMD hat für Silo AI das 33-fache dieser Summe gezahlt. OpenAI hat 2024 allein ~5 Mrd. $ verbrannt. SOOFI ist also weder ein ernsthafter Frontier-Versuch noch ein cleverer Anwendungs-Hebel. Es ist ein politisches Signal – mit echtem Geld. Genau das macht den Vergleich unangenehm.
Was ich Kunden gerade rate
In Workshops bekomme ich aktuell oft die Frage: „Sollen wir auf ein deutsches Modell warten?”
Antwort: Nein. Wer souveränität-relevante Workloads in Europa braucht, hat seit September 2025 mit Apertus eine vollständige Option – inklusive Schweizer Datenschutz, transparenter Trainingsdaten und Apache 2.0. Wer Audio braucht, hat ElevenLabs. Wer ein nordisches Sprachmodell sucht, hat Viking.
Was SOOFI bringen kann, wird man Ende 2026 sehen. Bis dahin ist es ein Vertrauensvorschuss – und ehrlich gesagt: nach all den deutschen „Wir-werden-mal”-Projekten der letzten zehn Jahre einer mit historisch eher gemischter Erfolgsbilanz.
Mein konkreter Vorschlag an alle, die KI-Strategie in deutschen Unternehmen machen: Behandelt SOOFI als Optionalität, nicht als Plan A. Baut heute eure Workflows auf existierenden offenen Modellen. Wenn SOOFI 2027 wirklich liefert, könnt ihr migrieren. Wenn nicht, lauft ihr eurer eigenen Roadmap nicht hinterher.
Souveränität entsteht nicht aus Ankündigungen. Sie entsteht daraus, dass man die heute verfügbare Technologie ernst nimmt.
Quellen
- Bundeswirtschaftsministerium: Förderung des europäischen KI-Sprachmodells SOOFI (18. November 2025)
- ETH Zürich: Apertus – a fully open, transparent, multilingual language model
- EPFL: Apertus News
- Sifted: From bootstrapping to a $665m cash acquisition – How Silo AI made it to exit
- Polish Presidency / Consilium: Partnership with ElevenLabs on AI-driven audio technology
- t3n: Deutsches Forschungskonsortium stellt SOOFI vor
- Silo AI Blog: Viking 7B/13B/33B – Sailing the Nordic Seas of Multilinguality
Quellen
- BMWE-Pressemitteilung: Förderung des europäischen KI-Sprachmodells SOOFI
- Apertus: a fully open, transparent, multilingual language model – ETH Zürich
- Apertus – EPFL News
- Silo AI: Vom Bootstrap zur 665-Millionen-Dollar-Übernahme – Sifted
- Polish presidency: Partnership with ElevenLabs on AI-driven audio technology
- Deutsches Forschungskonsortium stellt SOOFI vor – t3n