Kursplattform wählen: die fünf Entscheidungen, die vor Kajabi und Teachable kommen
„Kajabi, Teachable oder soll ich mir was Eigenes bauen lassen?” Diese Frage kommt in Erstgesprächen mit Solopreneuren und Creators regelmäßig, meistens lange bevor das Kurskonzept steht. Und sie fühlt sich schwer an. Das liegt fast nie an den Plattformen.
Wer bei der Plattform anfängt, hat fünf Entscheidungen übersprungen, die vorher dran sind: Zielgruppe, versprochenes Ergebnis, Format, Preis, Lieferform. Solange die offen sind, kann keine Plattform passen. Es steht ja noch gar nicht fest, wozu sie passen soll. Sind sie geklärt, schrumpft die Auswahl von allein, meistens auf zwei Kandidaten, zwischen denen ein Nachmittag entscheidet.
Der Vergleich der drei Plattform-Kategorien steht trotzdem in diesem Artikel. Nur eben hinten. Und er endet nicht mit einer Empfehlung, die zufällig an einem Affiliate-Link hängt.
Warum sich die Toolfrage nach vorn drängt
„Welche Plattform” fühlt sich nach einer lösbaren Entscheidung an: endliche Liste, Feature-Tabellen, Testzugänge, Haken dran. „Für wen ist mein Kurs eigentlich, und welches Ergebnis verspreche ich?” fühlt sich nach Arbeit an. Deshalb rutscht die Toolfrage nach vorn. Die eigentliche Unsicherheit bekommt damit ein Gesicht, das man googeln kann.
Was dabei herauskommt, sieht in der Praxis so aus: Die Modulaufteilung folgt am Ende den Vorlagen der Plattform und nicht dem Lernweg, den der Inhalt eigentlich verlangt. Beim Bauen merkt das niemand. Es fällt auf, wenn die ersten Teilnehmer sich durch Modul zwei quälen.
Erst der Use Case, dann das Tool. Nie umgekehrt. Diese Reihenfolge zieht sich durch den kompletten Guide zur Kursproduktion, und die Plattformwahl steht dort bewusst weit hinten.
Die fünf Entscheidungen, die vorher dran sind
Jede davon schließt nebenbei Plattformen aus. Das ist ein Nebeneffekt. Du triffst sie, weil dein Kurs sie braucht, und bekommst die Vorauswahl beim Tool geschenkt.
1. Für wen genau
Verkaufst du an Privatpersonen, die selbst zahlen? Oder an Firmen, die eine ordentliche Rechnung brauchen, Sammelzugänge für acht Mitarbeitende und eine Antwort auf die Frage, wo die Daten liegen? Diese eine Antwort halbiert die Kandidatenliste, bevor du eine einzige Preisseite geöffnet hast. B2B-Kurse scheitern selten an fehlenden Features, aber regelmäßig daran, dass der Einkauf keine Kreditkarte durchschickt.
2. Welches Ergebnis du versprichst
Ein Kurskonzept steht, wenn du in einem Satz sagen kannst, was jemand danach kann, das er vorher nicht konnte. Wie du dahin kommst, steht im Artikel zur Kurskonzept-Entwicklung. Für die Toolfrage zählt eine einzige Ableitung daraus: Muss das versprochene Ergebnis überprüfbar sein, brauchst du Aufgaben, Abgaben und einen Rückkanal. Reicht Verstehen, reicht ein Videobereich mit Fortschrittsanzeige.
3. In welcher Form die Module existieren
Video, Text, Audio oder eine Mischung. Diese Wahl gehört zum Konzept und nicht ins Setup. Ein textlastiger Kurs läuft praktisch überall, auch in einem simplen Mitgliederbereich. Ein videolastiger Kurs stellt Fragen nach Hosting, Streaming-Qualität und Speichergrenzen, die in Tarifdetails versteckt sind. Audio will Downloads und im besten Fall einen privaten Feed, was längst nicht jeder Anbieter kann.
4. Zu welchem Preis
Ein Kurs für 49 Euro und ein Programm für 2.400 Euro brauchen unterschiedliche Maschinen darunter: Ratenzahlung, Rechnungskauf, Upsell-Strecken, Rückerstattungsregeln. Auch das Verhältnis von Plattformgebühr zu Deckungsbeitrag sieht bei beiden völlig anders aus. Wie du den Preis aus dem Wert statt aus der Stundenzahl ableitest, steht im Artikel zum Preismodell. Erst danach lässt sich beurteilen, ob eine Transaktionsgebühr von ein paar Prozent egal oder ärgerlich ist.
5. Wie du lieferst
Läuft der Kurs jederzeit und allein, oder in Gruppen mit festen Terminen? Die Entscheidung zwischen Cohort und Self-Paced bestimmt mit, ob du Community-Funktionen, Terminlogik und zeitgesteuerte Freischaltung wirklich brauchst. Hat dein Format eine Gruppenkomponente, macht es einen Unterschied, ob die Plattform das mitbringt oder ob du eine zweite Software anflanschst, etwa Circle, Skool oder einen Messenger-Kanal. Jeder zusätzliche Login ist eine zusätzliche Absprunggelegenheit.
Der Gegeneinwand ist berechtigt: Spezialisierte Community-Software kann mehr als das eingebaute Forum einer Kursplattform. Wenn Community bei dir der Kern des Angebots ist und nicht die Beilage, kann der zweite Login die richtige Entscheidung sein.
Fünf Antworten, eine Seite Papier, eine gute Stunde Arbeit. Danach ist die Plattformfrage keine Grundsatzfrage mehr, sondern eine Auswahl anhand von fünf Kriterien, die du selbst aufgeschrieben hast.
Sind die Vorfragen geklärt, wird der Vergleich einfach
Grob gesagt gibt es drei Kategorien:
All-in-One (Kajabi, Teachable, Thinkific, Podia): Checkout, E-Mail-Versand, Kursbereich und ein einfacher Landingpage-Baukasten in einem Paket. Setup in Tagen, dafür eine monatliche Grundgebühr, meist gestaffelt nach Funktionsumfang, bei manchen Anbietern zusätzlich eine Transaktionsgebühr pro Verkauf.
Marktplatz- und Reseller-Modelle (Digistore24, Elopage, Copecart): niedrige Fixkosten, Provision pro Verkauf, Zahlungs- und Rechnungsabwicklung inklusive, dafür weniger Eigenständigkeit in der Markenpräsentation.
Eigene Website mit LearnDash, LifterLMS oder einem passwortgeschützten Bereich: volle Kontrolle über Daten und Design, volle Verantwortung für Wartung, Zahlungsanbindung und Datenschutz.
Feature-Listen im Detail zu vergleichen bringt wenig, weil sie ständig veralten. Vier Achsen bleiben über Jahre stabil, und entlang derer unterscheiden sich die Kategorien grundsätzlich.
Kontrolle und Datenhoheit
Bei All-in-One und Marktplatz liegen Teilnehmerdaten, Videos und Zahlungsverkehr in fremder Infrastruktur. Bequem, solange der Anbieter zuverlässig läuft. Ein Risiko, sobald Preise steigen, Features verschwinden oder sich die Geschäftsbedingungen ändern.
Für die DACH-Zielgruppe hängt an dieser Achse ein konkreter Rechtspunkt. Die EU-Kommission hat am 10. Juli 2023 den Angemessenheitsbeschluss zum EU-US Data Privacy Framework erlassen. Personenbezogene Daten dürfen seither ohne zusätzliche Garantien in die USA fließen, allerdings nur, wenn sich der Empfänger beim US-Handelsministerium unter diesem Rahmen zertifiziert hat. Die Zertifizierten stehen in einer öffentlichen Liste, die das Department of Commerce seit dem 17. Juli 2023 führt. Prüf deine Wunschplattform dort nach, bevor du dich bindest.
Der Beschluss ist angreifbar. Seine beiden Vorgänger sind vor dem Europäischen Gerichtshof gescheitert: Safe Harbor im Oktober 2015 (C-362/14), Privacy Shield im Juli 2020 (C-311/18), beide auf Klagen von Max Schrems hin. Behalte deine Teilnehmerdaten also jederzeit exportierbar, weil die heutige Rechtslage in fünf Jahren eine andere sein kann.
Kosten bei niedrigem und hohem Volumen
Hier kippt die Rechnung mit der Zeit. Konkrete Beträge nenne ich bewusst nicht: Sie ändern sich, sie unterscheiden sich je nach Tarif, Jahres- oder Monatszahlung und Region, und ein Artikel ist der schlechteste Ort, um sie nachzulesen. Schau vor der Entscheidung auf die aktuelle Preisseite des Anbieters.
Die Größenordnung, die du kennen musst, ist eine andere. Bei niedrigem Volumen ist die Plattformgebühr günstiger als eigene Infrastruktur. Du trägst keine Fixkosten für Betrieb und Wartung. Bei hohem, stabilem Volumen über Jahre kann sich Grundgebühr plus Transaktionskosten zu einer Summe addieren, die eine eigene Lösung rechtfertigt. Wo dieser Umschlagpunkt liegt, hängt an deinem Preis, deiner Stückzahl und daran, was du deine eigene Zeit wert bist. Rechne ihn mit deinen Zahlen nach, statt einer Faustregel aus einem Blogartikel zu glauben, meiner eingeschlossen.
Zahlungsabwicklung und Steuerfragen
Ein unterschätzter Punkt: Digitale Produkte an Privatpersonen in verschiedenen Ländern zu verkaufen heißt, sich mit Umsatzsteuer-Sonderregeln auseinanderzusetzen. In der EU gilt seit dem 1. Juli 2021 das One-Stop-Shop-Verfahren, Nachfolger des Mini-One-Stop-Shop. Bei elektronisch erbrachten Leistungen an Privatpersonen richtet sich der Leistungsort nach deren Wohnsitz, sobald du EU-weit 10.000 Euro Jahresumsatz überschreitest. Gemeldet wird zentral über das Bundeszentralamt für Steuern. Beim ersten Kurs mit dreißig Verkäufen ist das kein Thema, beim dritten Launch willst du wissen, wer die Rechnung mit dem korrekten Steuersatz erzeugt.
Marktplatz-Modelle nehmen dir das oft komplett ab, All-in-One-Anbieter längst nicht immer, und wie viel genau, unterscheidet sich von Anbieter zu Anbieter. Baust du selbst, machst du es selbst oder über einen Merchant of Record wie Paddle oder Lemon Squeezy. Ein Merchant of Record tritt gegenüber deinem Käufer als Verkäufer auf. Er übernimmt dafür Rechnung und Umsatzsteuer. Das ist ein weiteres Vertragsverhältnis mit eigenen Kosten. Prüf das im Zweifel vorher mit deiner Steuerberatung.
Migrationsschmerz beim späteren Wechsel
Die Achse, die am meisten unterschätzt wird: Was passiert, wenn du später wechseln willst? Videos, Kursstruktur und Teilnehmerdaten aus einer fremden Plattform zu exportieren, ist selten elegant. Manche Anbieter erlauben sauberen CSV-Export der Kontakte, andere machen es mühsam. Kalkuliere von Anfang an damit, dass ein Wechsel in drei oder fünf Jahren möglich sein muss, auch wenn er sich heute unwahrscheinlich anfühlt. Konkret: Rohmaterial, also Videodateien, Skripte und Grafiken, immer zusätzlich außerhalb der Plattform sichern.
Die Faustregel für den ersten Kurs
Für den ersten Kurs, unabhängig vom Thema: Nimm eine etablierte All-in-One-Plattform. Bau keine eigene Infrastruktur, bevor du weißt, ob der Kurs sich verkauft. Ich sehe regelmäßig Erstkurs-Ersteller, die Monate in ein individuelles Setup investieren, technische Komplexität aufbauen, die sie selbst kaum warten können, und dann feststellen, dass die eigentliche Baustelle woanders lag: bei der Landingpage, die nicht konvertiert, oder bei der E-Mail-Sequenz, die niemand liest.
Innerhalb der All-in-One-Kategorie unterscheiden sich die Anbieter spürbar, aber in Nuancen: Schwerpunkt auf Marketing-Automation, auf einem aufgeräumten Kurserlebnis oder auf Community-Integration. Zwei Testphasen, eine Entscheidung, weiter zum Inhalt. Wer sich seit Jahren am Markt hält, ist für einen ersten Launch gut genug.
Diese Reihenfolge kostet dich nichts an Professionalität. Ein großer Teil der Kurse, die ich kenne, ist auf einer All-in-One-Plattform gestartet, auch die erfolgreichen. Die Energie, die eigene Infrastruktur am Anfang frisst, fehlt an genau den Stellen, die für den ersten Launch zählen: einer überzeugenden Landingpage und einer sauberen Launch-Sequenz per E-Mail.
Wann sich selbst hosten tatsächlich lohnt
Es gibt echte Fälle für die eigene Lösung, nur eben nicht beim ersten Kurs:
Du hast bereits mehrere erfolgreiche Kurse und stabiles, hohes Volumen. Die Ersparnis bei Gebühren rechnet sich erst ab einem Umsatz, den du vorher nachrechnen solltest.
Deine Zielgruppe stellt besondere Anforderungen an Datenschutz oder Datenstandort. Unternehmenskunden mit eigenen Compliance-Vorgaben etwa, bei denen „auf einer US-Plattform gehostet” ein Verkaufshindernis ist.
Du brauchst technische Sonderfunktionen, die keine Standardplattform abbildet. Etwa eine tiefe Integration in ein bestehendes Produkt.
Du hast ein technisches Team oder einen zuverlässigen Partner, der die Infrastruktur wartet. Ohne diese Ressource wird „selbst hosten” schnell zu „ich kümmere mich nebenbei um Server-Updates”, was selten gut endet.
Trifft keiner dieser Punkte zu, ist die Antwort einfach: All-in-One, Fokus auf Inhalt und Vermarktung, Entscheidung an einem Nachmittag treffen und nicht mehr anfassen.
Der Zwischenweg: All-in-One plus eigene Domain
Ein Kompromiss, den viele übersehen: Fast jede All-in-One-Plattform erlaubt, Kursbereich und Verkaufsseite unter deiner eigenen Domain laufen zu lassen statt unter einer generischen Subdomain des Anbieters. Das kostet keinen zusätzlichen technischen Aufwand und gibt dir einen Teil der Markenkontrolle zurück. Bei einem späteren Wechsel bist du nicht an eine fremde URL-Struktur gebunden.
Diese Einstellung nimmst du beim Setup vor, sie dauert zehn Minuten, und sie ist der beste Aufwand-Nutzen-Trade der ganzen Plattformwahl. Wann hast du zuletzt nachgeschaut, unter welcher Adresse deine Kunden eigentlich einloggen?
Wer die fünf Vorfragen von oben nicht allein sortiert bekommt, findet im Angebot für Creator den Rahmen dafür. Sie stehen dort vor der Toolfrage, nicht danach.
Quellen
- Angemessenheitsbeschluss zum EU-U.S. Data Privacy Framework in Kraft getreten – BfDI, 2023
- Anwendungshinweise zum Angemessenheitsbeschluss EU-US Data Privacy Framework – Datenschutzkonferenz (DSK), 2023
- Angemessenheitsbeschluss zum EU-US Data Privacy Framework – Der Hessische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit
- Data Privacy Framework Program Launches New Website – U.S. Department of Commerce, 17.07.2023
- Data Privacy Framework – U.S. Federal Trade Commission
- Pressemitteilung zum EuGH-Urteil Schrems II (C-311/18) – Datenschutzkonferenz, 2020
- Das Schrems-II-Urteil des EuGH und seine Bedeutung für Datentransfers in Drittländer – LfD Niedersachsen
- EuGH erklärt EU-US-Privacy-Shield für ungültig – Katholisches Datenschutzzentrum, 2020
- One-Stop-Shop, EU-Regelung – Bundeszentralamt für Steuern (BZSt)
- E-Commerce-Richtlinie: OSS und IOSS – IHK für München und Oberbayern
- Lieferschwelle für den Online-Handel, One-Stop-Shop (OSS) – IHK Ostbrandenburg
- Neues zum One-Stop-Shop-Verfahren – Deutscher Steuerberaterverband e.V.